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Der Dom zu Speyer und seine tausend Jahre
Vom Nutzen einer Kathedrale für die Sehnsüchte der Menschen
Von Bernd Schneidmüller - „Europäische Rede“ am 03.11.2021 im Dom zu Speyer

Verehrt und missachtet, gebraucht und missbraucht, benutzt und erneuert, geliebt und geschunden – das sind Wörter, die Menschen mit der tausendjährigen Geschichte des Doms zu Speyer verbinden. Es ist ein Privileg, dass wir uns heute in diesem einzigartigen Gotteshaus zusammenfinden dürfen. Das Baugehäuse um uns präsentiert sich als scheinbare Einheit, eine der berühmtesten Kathedralen aus dem Mittelalter. Die Kennerinnen und Kenner wissen freilich, dass wir in einem Patchwork-Gebäude sitzen. Tausend Jahre haben die Menschen an ihm gearbeitet, es verändert, weitergebaut, erneuert. Und wir hoffen, dass es tausend Jahre weitergehen möge mit diesem einzigartigen Gotteshaus und Erinnerungsort großer Geschichte. Es ist die vornehmste Aufgabe der Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer, die Erhaltung und Weiterführung des Kaiser- und Mariendoms zu fördern und zu begleiten. Wir wissen uns in dieser Aufgabe einig mit Abertausenden von Menschen, denen der Speyrer Dom seit Jahrhunderten etwas bedeutet. Und doch verwandelten sich die Sehnsüchte der Menschen, die in diesen Dom kamen, ihre Wege zu Gott suchten, die Kathedrale als kulturellen Kristallisationspunkt mittelalterlicher Romanik feierten oder die vieltürmige Kirche als weithin sichtbare Verkörperung von Heimat in der Rheinebene empfanden.
Tausend Jahre – ja diese Erinnerungen an ein ganzes Millennium stehen unmittelbar bevor. Man mag über den Nutzen von Jubiläen geteilter Meinung sein. Doch der Zauber der runden Zahl berührt. Es ist ein Knotenpunkt, wenn wir den Zufall der Gegenwart im Zeitenlauf von der Vergangenheit zur Zukunft verorten. Wie mögen wir 2024 mit dem Beginn des salischen Jahrhunderts in der römisch-deutschen Geschichte vor 1000 Jahren umgehen? Gewiss – die großen Salier-Ausstellungen in Speyer sind schon gezeigt, und man mag sie nicht mehr wiederholen. Zufälle eines Regierungswechsels oder die Verlagerung von Zentren sind uns wohl vertraut – wir erleben sie in diesen Tagen neu. Trotzdem will die Weichenstellung vor fast 1000 Jahren für diese Stadt und diese Landschaft nicht übersehen werden. Speyer wurde zum großen Nutznießer des salischen Neubeginns 1024. Der Dombau kündet seither vom imperialen Aufbruch des 11. Jahrhunderts.
Konrad II., der neue König und Kaiser aus unserer Region, setzte von seiner ersten Regierungswoche an programmatisch auf Speyer und auf die hier besonders verehrte Gottesmutter Maria. Mit Stephanus, der als erster christlicher Märtyrer den Himmel offen sah, wurde Maria als Königin aller Heiligen zur wichtigsten Patronin der salischen Dynastie. Damals entwickelte sich Speyer – in Worten dieser Zeit – vom „Kuhdorf“ zur „Metropole Germaniens“. In Konrads fünfzehnjähriger Herrschaftszeit begann der himmelstürmende Bau dieser Kathedrale aus einem uns verschlossenen früheren Nichts.
Spätere, die es genau wissen wollten, legten diesen Start ins Jahr 1030. Wie mag Speyer 2030 mit diesem Jubiläum umgehen? Es katapultierte damals den Dom von einer unbekannten Bischofskirche an die Spitze der Repräsentationsarchitektur in Deutschland? Haben uns solch alte Sachen noch etwas zu sagen? Oder sind sie bloß Last und Bürde aus längst überwundener Vergangenheit?
1930, vor fast einem Jahrhundert, nahm man in Speyer die Geschichte beherzt in Dienst einer nationalen Sache. 1930 feierten die Menschen ihren Dom als Monument deutscher Größe, als Kampfansage salischer Kaiser gegen Herausforderungen aus dem feindlichen Westen, als Inbegriff germanischen Geistes oder deutscher Kunst. Wenige Jahre später nur lag diese deutsche Überheblichkeit in Schutt und Asche, eine der größten Katastrophen der deutschen, der europäischen, ja der ganzen Weltgeschichte. Die nach 1945 Geborenen durften ein Neues erleben, das den nationalistischen Hass der Vorfahren überwinden wollte. Das bescherte diesem Kontinent – trotz aller Anfechtungen – eine lange Periode des Friedens, wir vergessen das nicht. Dabei veränderte sich der Dom zu Speyer mit den Sehnsüchten der Menschen. Ich will dieses Zurückwandern von unserer Zeit in die Geschichte in drei kleinen Schritten vollziehen.
1) Eine Kathedrale von Weltgeltung
Vor vierzig Jahren erlangte der Dom durch die Aufnahme ins Weltkulturerbe der Menschheit jene formale Auszeichnung, die er seit tausend Jahre ohnehin in sich trug: Für uns Heutige steht hier – mit all seinen Wunden und Scharten – ein großes Monument der Menschheit, kein nationales Kampf-Bauwerk. Vor wenigen Tagen wurde hier im Dom der Würdigung von 1981 gedacht. Es ist besonders anrührend, dass in diesem Sommer 2021 – also vierzig Jahre später – auch die herausragenden Stätten mittelalterlicher jüdischer Kultur am Rhein ins Kulturerbe der Menschheit aufgenommen wurden. Die jüdischen Stätten in Speyer gehörten von Beginn an zum Aufstieg der Bischofsstadt im 11. und 12. Jahrhundert dazu. Erst verblendeter nationalistischer Wahn wollte diese Symbiose vergessen machen, die produktive Kraft jüdischer Geschichte aus der deutschen tilgen. Es ist berührend, wie die Verantwortlichen in Speyer, in Rheinland-Pfalz und in Deutschland die alte Verbundenheit von Bistum, Kathedrale, Stadtentwicklung, Synagoge und Mikwe so klar propagierten. Und jetzt wird es endlich weltweit gewürdigt. Ich kenne keinen vergleichbaren Ort in Deutschland, der sich zweier solcher Welterbestätten rühmen könnte. Machen wir was daraus!
Während Speyers jüdisches Zentrum in seinen Resten erst wieder aus der Stadtarchitektur herausgeschält wurde, überstrahlte der Dom die Bischofsstadt von Anfang an. Kunstführer loben ihn als die größte erhaltene romanische Kathedrale weltweit. Und für die Menschen im Land beiderseits des Rheins sind die sechs Türme Orientierungspunkte von Mitte und Heimat. Das alte Wort Heimat, so oft in seiner Benutzung geschunden, gewinnt in solchen Blickachsen Bedeutung und Wert.
Die Menschen in Speyer durften im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts erleben, wie ihr Dom zum Symbol für deutsche Außenpolitik erwuchs. Das Bekenntnis des verstorbenen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu diesem Kristallisationspunkt seiner engeren Heimat wirkte in seiner Authentizität und bot der Welt ein anderes Deutschland, als es die Metropolen vermöchten: Das Land am Rhein, seit Jahrhunderten historisches Zentrum, und die große Kathedrale in der kleinen Stadt boten ein anderes Bild deutscher und europäischer Geschichte als die Prachtavenuen der Hauptstädte. Symbolisch überwand hier die Verwurzelung in einem vornationalen lateinischen Christentum die nationalistischen deutschen Verstrickungen im 20. Jahrhundert.
Vor fünf Jahren setzte das Historische Museum diese „Weltbühne Speyer“ in einer Ausstellung in Szene. In Filmen, Bildern und Texten kamen die Großen dieser Welt noch einmal virtuell in die Stadt am Rhein. Eröffnet wurde die Reihe großer Staatsbesuche mit dem chinesischen Premierminister Zhao Ziyang 1985. Ihm folgten der französische Premierminister Jacques Chirac 1986, der römische Papst Johannes Paul II. 1987, die britische Premierministerin Margaret Thatcher und der italienische Staatspräsident Francesco Cossiga 1989. 1990, im Jahr der deutschen Einheit, kamen der damalige Kurienkardinal Josef Ratzinger sowie, kurz nach der Wiedervereinigung, der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow und der US-Präsident George Bush. In den 1990er Jahren schlossen sich (offizielle oder inoffizielle) Besuche an von Brian Mulroney aus Kanada, Václav Havel aus Tschechien, Édouard Balladur aus Frankreich, Boris Jelzin aus Russland, John Major aus Großbritannien, Jean-Claude Juncker aus Luxemburg, José Maria Aznar aus Spanien sowie vom spanischen Königspaar Juan Carlos und Sophia. Noch einmal kulminierte hier im Dom bei der Trauerfeier für Helmut Kohl 2017 diese internationale Aufmerksamkeit. Viele Menschen in Speyer und im Land beiderseits des Rheins haben diese historischen Rampenlichter noch in lebhafter Erinnerung, und die Verantwortlichen werden die damit verbundenen Herausforderungen nicht vergessen.
Der Dom und seine Weltgeltung: Für die Europäische Stiftung Kaiserdom zu Speyer bedeutete dies auch den Anstoß zu einer Reihe von Reden hochkarätiger Staatsmänner. Sie gruben sich tief ins Gedächtnis ein. Doch das europäische Begreifen des Speyerer Doms wurde nicht erst in der Ära Kohl eingeleitet. Die Einbettung in der katholischen Welt hatte immer internationale Verbundenheit aktualisiert. Die politische Wende zu den abendländischen Wurzeln der gemeinsamen christlichen Kultur wurde dann in der frühen Bundesrepublik eingeläutet. Maßgebliche Weichen zur neuen Westbindung stellte Bundeskanzler Konrad Adenauer. Im August 1953 kam er mit dem französischen Außenminister Robert Schuman nach Speyer, um an der Grundlegung einer neuen Kirche teilzunehmen. Sie wurde dem hl. Bernhard von Clairvaux zum 800. Todestag geweiht und wollte an die völkerverbindende Einheit des Christentums und an die großen Tage anknüpfen, als der charismatische Kreuzzugsprediger aus den Westen 1146 den staufischen König in Speyer traf.
Die Zeitung ‚Rheinpfalz‘ fasste Adenauer Rede auf dem Domplatz so zusammen: „Es sei für ihn, so führte der Bundeskanzler aus, eine große Wohltat, gerade in Speyer und an diesem Tage der Völkerverständigung so herzlich empfangen zu werden. Hier habe alle Parteipolitik zu schweigen, eines aber eine uns, der feste Glaube und die feste Zuversicht, dass nur das Christentum uns retten kann aus allen Gefahren, in denen Europa und darüber hinaus die ganze Menschheit schwebe. Ein jeder müsse sich heute prüfen, ob er in dem Machtkampf zwischen Materialismus und Christentum für das Christentum alles tue, was in seinen Kräften stehe. Nur wenn das Christentum siege, werde Friede, Freiheit und christlicher Glaube auf der Erde wieder ihre segensreiche Wirkung ausstrahlen.“ (Die Rheinpfalz, 24.08.1953).
So wurden Dom und Stadt in eine größere europäische Geschichte hineingenommen. Jetzt hielt die Kathedrale der hl. Maria in Speyer nicht mehr wie in früheren Jahrzehnten für ein heldenhaftes Deutschtum her.

1953 gab sie den „Völkern des Abendlandes“, so sagte man es damals, eine neue Selbstvergewisserung in gemeinsamen Werten. 70 Jahre Internationalität, 70 Jahre Verbundenheit mit unseren Nachbarn! Wir haben uns gut eingerichtet in dieser europäischen Kommunität, auch wenn wir Anfechtungen erleben. Doch nichts von unserer Friedensordnung und nichts vom Dom als Monument der Menschheit ist selbstverständlich. Das zeigen die Blicke über einhundert oder über eintausend Jahre zurück.
2) Nation und Nationalismus – Der „Deutsche Kaiserdom am Rhein“
Die Jubiläumsfeiern von 1930 stehen als Beispiel für gänzlich andere Sehnsüchte der Menschen. Da wir Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kaum noch befragen können, schälen wir das Kirchenfest aus alten Büchern oder Zeitungen heraus. Ein Dutzend Jahre vorher hatte der verlorene Erste Weltkrieg kühne Hoffnungen auf deutsche Weltgeltung zerstört. Der Friedensvertrag von Versailles wurde vielfach als Diktat oder als Schandfrieden empfunden. Speyer erlebte die Folgen noch deutlicher als das Land östlich des Rheins. Das Buch des Domkapitulars Franz Joseph Gebhardt über den Kaiserdom, „Zum 900jährigen Jubiläum dem katholischen Volke erzählt“, protokolliert die damaligen Ereignisse. Gebhardt schrieb, das sei unterstrichen, deutlich unaufgeregter als die nationalistischen Schreihälse der damaligen Presse. Vertrauen wir uns seinen Worten an:
„Am 5. Dezember 1918, mittags 12 Uhr, zogen 2500 Franzosen in Speyer ein und hielten vor dem Dom Parade. Am 3. Adventssonntag um ¾ 10 beanspruchten sie den Dom für ihren Gottesdienst. An 5000 Soldaten waren beigezogen. General Burgeon nahm mit seinen Stabsoffizieren im Königschor Platz. Es war die Siegesfeier der Franzosen im Dom. [...] Lockende Rufe Frankreichs, die Pfalz zum Abfall von Bayern und Deutschland zu bewegen, scheiterten Gott sei Dank an der Treue der Pfälzer.“
Auch den französischen Besatzungstruppen wurde der Dom zum zeremoniellen Ort nationalen Erinnerung: „Am 25. Dezember 1919, nachmittags 3 Uhr, taufte ein französischer Bischof 64 Soldaten und firmte 150. Am 16. Mai 1920 wurde die Jungfrau von Orléans heilig gesprochen; aus diesem Anlaß hielten die Besatzungstruppen am 18. Juni eine gottesdienstliche Feier im Dom ab; 80 Madagaskaren empfingen die Firmung“.
Die französische Besetzung Speyers ging im Juni 1930 zu Ende, früher als im Friedenvertrag vereinbart. Nur wenige Tage später folgte die Jahrtausendfeier des Doms als Höhepunkt des geistlichen wie auch des nationalen Selbstbewusstseins. Jetzt zog die von einem Münchener Künstler geschaffene, von Papst Pius XI. gestiftete und geweihte Gottesmutter feierlich über den Rhein und fand ihre Heimstatt in der Kathedrale. Sie ersetzte das berühmte Gnadenbild, das bei der Besetzung 1794 durch französische Revolutionstruppen verbrannte. Nur ein kleiner Teil des Jesuskindes hatte diese Katastrophe und die Entweihung des Gotteshauses im Gefolge der Französischen Revolution überstanden. Auf seiner Reise von München über Rom nach Speyer musste das neue Gnadenbild eine Pause einlegen. Es war schon im Juni 1930 in Waghäusel am anderen Rheinufer angelangt. Doch in Speyer wartete man den Abzug der Franzosen ab, um die Statue am 6. Juli 1930 einzuholen. Eine Woche später fand die „Feier des Deutschen Kaiserdomes am Rhein“ statt, so die damalige Wortwahl.
Die Kathedrale war am Ende des 17. Jahrhunderts im Pfälzischen Erbfolgekrieg während der französischen Besetzung zu großen Teilen zerstört und ein Jahrhundert später durch französische Revolutionstruppen geplündert worden. Am Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806 kamen den Deutschen ihre Kaiser abhanden. Erst in dieser kaiserlosen Zeit sprach man vom Kaiserdom, erstmals vermutlich 1828. Die toten Kaiser sollten die lebenden ersetzen.
1930 feierte man den Dom dann „als mächtigen Mahner zu deutscher Treue und Einigkeit“. Man mag die nationalistischen und chauvinistischen Kommentare heute kaum hören. Doch wir sollten uns dieser Instrumentalisierung des Doms vor einem Jahrhundert auch nicht verschließen.
Die Festgabe der Pfälzer Zeitung benutzte den Dom als „Nationaldenkmal“ und als „ein heiliger Rufer / alt deutschen Geistes und deutscher Macht“. Oder: „Tausende werden in den Jubiläumstagen dieses Jahres den Dom zu Speyer grüßen nicht nur als eindrucksvollen Zeugen deutscher Größe und deutschen Glanzes der Vorzeit, sondern auch als ein steingewordenes Mal germanischer Wahrheitserfassung, schöpferischer Wahrheitsliebe, als Träger des höchsten geistigen Lebens.“ Wenige Tage später besuchte Reichspräsident Paul von Hindenburg Speyer und nahm gleichsam symbolisch Besitz vom „heiligen Boden unseres Vaterlandes“, so die Speyerer Zeitung.
Ich habe Ihnen diese Zitate nicht erspart, weil ich Differenz markieren und die Gefahren menschenfeindlicher Verblendung benennen will. Die Nation besitzt eine lange Geschichte mit Licht und Schatten. Im demokratischen Deutschland erleben wir heute eine Gemeinschaft, die sich der Würde des Menschen, der Freiheit und dem Respekt verschrieben hat. Aus den nationalen Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand eine Friedensordnung, in der Deutschland wieder einen geachteten Platz in Europa genießt. Die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie haben uns die Handlungsfähigkeit der Nationen erkennen lassen. Im letzten Jahr gaben nicht die globalen oder lokalen Institutionen den Ton an. 2020/2021 könnte vielleicht als Jahr des nationalen Agierens in die Geschichte eingehen. Wie immer die Balance zwischen europäischem Einigungsprozess und nationaler Beständigkeit ausgehen mag – die gegenwärtige Realität des Nationalen bleibt unverkennbar.
Die Geschichte des Doms im letzten Jahrhundert erzählt uns von beidem, von nationalistischem Hass und von europäischer Verbundenheit. Die christlichen Fundamente dieser Kathedrale konnten durch die Sehnsüchte der Menschen durchaus verbogen werden.
Die Menschenfeindlichkeit des zerstörerischen Nationalismus und Fanatismus sind Teil unserer Geschichte. Der verstörende Hass hat sich nicht irgendwo, sondern hier ausgelebt. Die tröstliche Erfahrung unserer Gegenwart zeigt uns auch, dass eine demokratische Nation den einstmals zerstörerischen Nationalismus überwinden kann. In diesem historischen Wechsel des 19. und 20. Jahrhunderts soll nicht vergessen werden, dass die Nationen in Europa eine weit längere Geschichte haben, als es der Tunnelblick auf die Moderne nahelegen könnte. Nationen entstanden im Mittelalter, auch wenn die Unterschiede zur Moderne erheblich sind. Nationen waren im alten Europa vor allem Handlungsgemeinschaften politischer Eliten in den europäischen Monarchien. Sie dienten zudem der Zusammengehörigkeit auf Konzilien oder in Universitäten. Gewiss entdecken wir in alten Texten auch Emotionen und Klischees, die ein- oder ausgrenzten. Doch die vormoderne Nation war eine Vereinigung der Eliten. Emotionale Zugehörigkeit aller wurde in dieser aristokratischen Welt nicht eingefordert.
Die Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts veränderten die Nationen. Jetzt ging es um die Zusammengehörigkeit aller Bürger. Das forderte die Bereitschaft aller ein, für Ideale zu kämpfen und zu sterben. 1882 beschrieb der französische Denker Ernest Renan (1823-1892) die Nation als große Solidargemeinschaft, die sich aus dem Gefühl für erbrachte oder zu erbringende Opfer speiste. Für ihn war die Nation eine tagtägliche Volksabstimmung, so wie die Existenz des Individuums eine ständige Bekräftigung des Lebens sei. Renan wusste auch, dass Nationen nichts Ewiges waren. Sie waren in der Geschichte entstanden, und sie würden enden, vielleicht sogar in einer europäischen Konföderation. Damals konnte man den Schrecken des Völkerhasses noch nicht erahnen, auch nicht die Fundamentalismen des 20. Jahrhunderts, in denen sich die Nationen mit Rassismus und Genozid verbanden.
Die europäische Neuzeit machte aus den Nationen Blutsgemeinschaften und Schicksalsgemeinschaften. Das begann just in der Zeit, als sich Europäer anschickten, die Welt zu unterwerfen. Ein geistiges Zentrum dieser Gedanken war das Land beiderseits des Rheins. 3) Andere Konzepte – Die Reinheit des Bluts und die Gegenwart der Heiligen
Die Idee von der Blutsgemeinschaft entstand nicht erst im Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Spuren wurden vielmehr von Gelehrten an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit gelegt. Durch ihre Rückbesinnung auf die Antike gaben die Geistesgrößen der Zeit einen Namen: Humanismus. Doch human in unserem Wortsinn waren ihre Lehren nicht. Sie füllten ihre Bücher mit Vorstellungen vom Wettbewerb der Nationen und vom Volk als ewiger Blutsgemeinschaft. Die Reinheit des Bluts und das Leben auf eigener Scholle seit unvordenklicher Zeit wurden zu Leitbildern der deutschen Nation aus germanischen Wurzeln.
Der deutsche „Erzhumanist“ Conrad Celtis, Student in Köln und Heidelberg und dort eng mit dem Wormser Bischof verbunden, entwarf ein uns heute verstörendes Profil seiner Germanen: „Ein unbesiegtes Volk, wohlbekannt in der ganzen Welt, lebt von jeher dort, wo sich die Erde, in ihrer Kugelgestalt gekrümmt, herabneigt zum Nordpol. Geduldig erträgt es Sonnenhitze, Kälte und harte Arbeit; Müßiggang eines trägen Lebens zu erdulden leidet es nicht. Es ist ein Volk von Ureinwohnern, das seinen Ursprung nicht von einem anderen Geschlecht herleitet, sondern unter seinem eigenen Himmel erzeugt wurde.“ Ureinwohner – indigena gens.
Im Elsass pries der sogenannte „Oberrheinische Revolutionär“ um 1500 die besondere Sendung der Deutschen im göttlichen Heilsplan. Deutsch sei nämlich die Ursprache der Menschheit, Adam „ein deutscher Mann“ gewesen. Bis zum Turmbau von Babel hätten alle Männer ausschließlich deutsch gesprochen. Als erste Sprache werde sie einst auch die letzte sein.
Wenig später schrieb der an der Universität Heidelberg ausgebildete Gelehrte Theodor Reysmann ein Lobgedicht auf den Speyerer Dom. Seine Umgebung sei von Ahnherren „deutschen Geblütes“ gestaltet, „Volk, unter heimischem Himmel erblüht, nicht römischen Ursprungs.“ Hier haben wir es wieder: das Indigenat, die Ur-Einwurzelung, ohne jede Vermischung oder Wanderung, immer sitzen geblieben, niemals gewandert. Diese humanistische Verknüpfung von Blut und Boden ist historisch gänzlich abwegig, denn die Rheinebene war seit Jahrtausenden eine Drehscheibe menschlicher Migrationen. Und doch grub sich das Ideal des Ursprünglichen, des Reinen, des Unveränderlichen tief in die Köpfe der Menschen. Der Schweizer Historiker Caspar Hirschi gab dem Schlusskapitel seines Buchs „Wettstreit der Nationen“ deshalb nicht zu Unrecht den Titel „Vom Humanismus zum Holocaust“.
Mit Theodor Reysmann sind wir zum Dom zurückgekehrt. 1531 rühmte er, dass Speyer wie mitten im Paradiesesgarten blühe (Spira velut medio Paradisi floret in horto). Speyer im Paradies! So stehen am Schluss dieser Rede wieder andere Sehnsüchte mittelalterlicher Menschen. Jacob Wimpfeling, auch er Student in Heidelberg, ließ 1486 als Geistlicher in Speyer sein Lob des Speyerer Doms drucken. Ihm war die Gottesmutter Maria Grundlage seines Vertrauens und seines Glaubens:
„Himmlische Mutter Christi, ich bitte dich, stehe mir gütig bei,
dass ich den Speyerer Dom aufs beste preisen kann,
jenen ehrwürdigen Dom, so gewaltig, hochragend auf starken Pfeilern,
herrlich, ein Kunstwerk, jeglichen Lobes wert. [...]
Du große Mutter und Patronin unseres Gotteshauses
und einziges Heil dieser gefeierten Kirche, [...]
Solange die leuchtende Sonne abends untergeht und morgens
aufgeht, wird dir, Jungfrau, hier das Salve gesungen,
hier, wo Bernhard einst dem vertrauten Gesang hinzugefügt hat:
O clemens, o pia, o dulcis, sei gegrüßt;
hier, wo so oft der Klerus mit Psalmen und Messopfer
dein Lob feiert und preist.
Darum, selige Mutter, schütze auf immer dieses Haus
und verteidige, selige Jungfrau, deine Stätte.“
Maria – „einziges Heil dieser gefeierten Kirche“. Ihr hatten schon die Salier ihre Herrschaft und ihr Schicksal anvertraut. Bei Maria suchte Heinrich IV. vor seinem Gang nach Canossa Schutz, zu ihr kehrte er nach der päpstlichen Lösung vom Bann zurück. Immer wieder Maria – sie geleitete die Kaiser durch die Geschichte, sie gab den flehenden Herrscherpaaren den ersehnten Nachkommen, sie verband Himmel und Erde.
Der Schutz der Gottesmutter bildet das Fundament von 1000 Jahre Geschichte des Speyerer Doms. Wie immer man heute auch zum Heiligenkult stehen mag – wir begegnen hier einer Welt voller Glauben. Diese vertraute sich – in vormoderner Andersartigkeit – einer materialisierten Heilsgeschichte in diesem Dom an. Diese so anderen Sehnsüchte verpflanzten die große weite Christenheit beherzt in diesen Dom. Seine Heiligen banden – über alle Gegensätze hinweg – Klerus und Stadt in Speyer zusammen. Ein neues Buch hat kürzlich die gemeinschaftsstiftende Kraft der Heiligen für Speyer eindrucksvoll herausgeleuchtet. Im Dom imitierten Geistliche in ihren Prozessionen die Stationsliturgie aus Rom. Und die Altäre dieser Kirche versammelten die Schutzheiligen des Neuen Testaments am Rhein. Im Chor – das entschlüsseln uns die Spezialisten der Liturgiewissenschaft – markierten zwei Achsen von Altären in ausgeklügeltem Programm das christliche Heil: Von Nord nach Süd ein Weihnachtsfestkreis mit Christus und der Gottesgebärerin, von West nach Ost ein Osterfestkreis mit dem Fest von Mariae Geburt. Marias Hauptaltar wurde vielleicht am 9. September 1046 geweiht, also vor ziemlich genau 975 Jahren. Und in der Krypta gründeten die Apostel des Neuen Testaments mit ihren Altären das Fundament dieser ganzen Kirche und schufen einen spirituellen Schutzwall für die Kaisergrablege.
Die Welt der Heiligen mag vielen heute fern sein. In ihr entdecken wir freilich andere Sehnsüchte der Menschen vor tausend Jahren. Die kostbarsten Stiftergaben waren damals nicht das Gold, Silber und Pergament unserer modernen Schatzhäuser. Es waren vielmehr die Partikel vom Kreuz Christi oder die heiligen Gebeine, die aus der weiten Welt nach Speyer kamen. Damals ging es nicht um Nation oder Europa, sondern um die symbolische Präsenz der Christenheit in diesem Dom. Im Mittelalter bedeutete das Leben mit den toten Heiligen eine Vergegenwärtigung mit allen Sinnen.

Hier entdecken wir große Unterschiede von Gegenwart und Vergangenheit, aber auch unsere Zeitgebundenheit. Spätere werden sich vergleichbar über das Jahr 2021 wundern. Wohin mögen der Dom und die Sehnsüchte der Menschen künftig wandern? Auch wenn die Prognosefähigkeit von Historikern begrenzt ist, sehe ich gute Perspektiven und singe nicht im Chor der Skeptiker, denen ihr Abendland dauernd untergeht. Dieser Dom wird Kraft und Attraktivität gewiss aus seiner Schönheit und Monumentalität beziehen. Doch gerade die christlichen Fundamente machen ihn dauerhaft. Hoffnung gibt eine Religion, die sich jenseits aller Traditionen auf ihren Kern konzentriert. Dazu gehören die Unverfügbarkeit der nicht von Menschen gemachten Schöpfung und des Schöpfergotts, die Prinzipien von Vergebung und Liebe als Gegenmodell gegen Strafe und Hass, die Wichtigkeit jedes einzelnen Geschöpfs, dem niemand seine Würde rauben kann. Das ist kein schlechtes Zukunftsprogramm. Für solche Zuversicht lohnt es sich, einmal tausend Jahre zurückzublicken und über den Nutzen einer Kathedrale für die Sehnsüchte der Menschen nachzudenken.
Nachweise: 900 Jahre Kaiserdom zu Speyer. Festgabe zum Domjubiläum am 12., 13. und 14. Juli 1930 (Palatina 28), Pfälzer Zeitung, Rheinisches Volksblatt, Speyer 1930. – Bossert, Gustav/Kennel, Albert, Theodor Reysmann und sein Lobgedicht auf Speier, in: Historischer Verein der Pfalz. Mitteilungen 29/30, 1907, S. 156-248. – Der Dom zu Speyer. Konstruktion, Funktion und Rezeption zwischen Salierzeit und Historismus, hg. von Matthias Müller/Matthias Untermann/Dethard von Winterfeld, Darmstadt 2013. – Ehlers, Caspar, Metropolis Germaniae. Studien zur Bedeutung Speyers für das Königtum (751-1250) (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 125), Göttingen 1996. – Gebhardt, Franz Joseph, Der Kaiserdom zu Speyer. Seine Geschichte, sein Schicksal und seine Bedeutung. Zum 900jährigen Jubiläum dem katholischen Volke erzählt, Speyer 1930. – Hirschi, Caspar, Wettkampf der Nationen. Konstruktionen einer deutschen Ehrgemeinschaft an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, Göttingen 2005. – Müsegades, Benjamin, Heilige in der mittelalterlichen Bischofsstadt. Speyer und Lincoln im Vergleich (11. bis frühes 16. Jahrhundert) (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 93), Wien/Köln/Weimar 2021. – Odenthal, Andreas/Frauenknecht, Erwin, Der Liber Ordinarius des Speyerer Domes aus dem 15. Jahrhundert (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 67, Kopialbücher 452). Zum Gottesdienst eines spätmittelalterlichen Domkapitels an der Saliergrablege (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 99), Münster 2012. – Schneidmüller, Bernd, Der Dom zu Speyer. Bühne für Herrscherbesuche eines Jahrtausends, in: Weltbühne Speyer. Die Ära der großen Staatsbesuche, hg. von Alexander Schubert, Heidelberg/Ubstadt-Weiher/Basel 2016, S. 16-35. – Weinfurter, Stefan, Der Dom zu Speyer. Funktion, Memoria und Mythos, in: Erinnerungsorte in Rheinland-Pfalz, hg. von Franz Felten (Mainzer Vorträge 19), Stuttgart 2015, S. 9-24. – Weltbühne Speyer. Die Ära der großen Staatsbesuche, hg. von Alexander Schubert, Heidelberg/Ubstadt-Weiher/Basel 2016. – Wimpfeling, Jakob, Lob des Speyrer Doms – Laudes ecclesiae Spirensis. Faksimile der Inkunabel von 1486. Pfälzische Landesbibliothek Speyer, Inc. 141. Edition, Übersetzung und Kommentar von Reinhard Düchting und Antje Kohnle, Wiesbaden 1999. – Die zitierten Zeitungen im Stadtarchiv Speyer.
Kontakt: bernd.schneidmuellerzegk.uni-heidelberg.de

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